Von Kindern Spielen lernen

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Mittwoch, 14. März 2018

Wenn es eine natürliche Zielgruppe für Spiele gibt, dann sind es ganz klar die Kinder. Für sie ist die ganze Welt ein einziger, großer Spielplatz. Man ballt einfach eine Faust, streckt den Daumen hoch, den Zeigefinger geradeaus, ruft „Peng Peng!!“ und hat eine Pistole in der Hand. Man findet ein windschiefes Stück Holz und binnen Sekunden wird daraus ein Tennisschläger, ein Fernrohr, ein Paddel, ein Laserschwert, ein Zauberstab - oder ein windschiefes Stück Holz, mit dem man prima auf Dinge hauen kann. Es ist alles eine Frage der Vorstellungskraft.

Trotz der – mittlerweile auch im Kinderbereich – mit Technologie überfrachteten Welt lassen sich besonders Kinder immer gerne auf das Erlebnis „Brettspiel“ ein. Vielleicht auch gerade wegen der mit Technologie überfrachteten Welt. Das liegt zum einen natürlich am (meistens) sehr kindgerechten Material, den (meistens) griffigen Holzfiguren und der (meistens) schönen Illustration; aber andererseits auch besonders am natürlichen Spieltrieb der Kleinen.

Beobachte ich Kinder beim Spielen, stelle ich schnell drei Sachen fest:

  1. Sie sind völlig offen, was das Thema angeht. Dass der Fuchs traditionell eigentlich die Gans und nicht das Huhn gestohlen hat, ist ihnen völlig egal. Oder dass Piraten Dinge ins Meer werfen, um dadurch ihre Schiffe weiterzubewegen. Oder dass eine Schule aus Eis auch im Sommer noch heißen Spaß machen kann. Alles schnurz. Mädchen spielen Ritter, Jungen spielen auch mal eine Prinzessin oder den rosa Spielstein. Wundervoll.
  2. Das Spielmaterial kann zwar einen hohen Aufforderungscharakter im Sinne von Optik oder Material haben, aber letztendlich spielen Kinder gerne alles mit. Selbst wenn es hauchdünne Karten, billige Plastikchips oder Illustrationen sind, die man noch nicht mal seiner Schwiegermutter auf die Geburtstagskarte kritzeln würde.
  3. „Gemeinsam“ siegt über „gegeneinander“. Das erlebe ich jetzt seit Jahren. Kooperative Spiele lösen bei den Kindern immer mehr Neugier und Spannung aus als konfrontative. Dies wandelt sich leider gegen Ende der Grundschule, aber bis dahin hat man mit einem kooperativen Spiel immer ein Pfund in der Spieletasche.

Dass erwachsene Mitspieler thematischen Spielen gegenüber komplett offen sind, fragwürdiges Material ignorieren und aus reiner Herzenslust kooperative Spiele mitspielen, finde ich in meinen Spielrunden zwar auch, aber auf keinen Fall in einem Maße, wie ich es bei Kindern erlebe. Für sie zählt bei einem Spiel nur eine Sache: Wie sehr unterhält es im gespielten Zeitraum?

Und da sind Kinder als Mitspieler und Spieletester knallharte Kritiker. Da wird nichts - aber auch rein gar nichts - verziehen. Mag die Ausstattung noch so bombig sein: wenn das Spiel langweilig ist, dann bleibt es langweilig. Im Gegensatz zu manchem meiner erwachsenen Mitspieler, die ein Spiel krampfhaft gut finden wollen, weil das Material entweder so schön oder so reichhaltig ist, die Miniaturen so detailliert oder das Thema toll.

Kann ich mich davon freisprechen? Nein. Zumindest mein früheres Ich, das auch sehr, sehr wählerisch war, bevor es anfing, Spiele mit Kindern zu testen. Da wurden Spiele mit einem süffisanten Handstreich vom Tisch entfernt, weil sie entweder "zu simpel" waren, "nicht hübsch genug" aussahen oder aus andauernd anderen Gründen.

Regelmäßig mit Kindern zu spielen war für mich äußerst heilsam. Zu sehen, mit welcher Begeisterung sich Kinder auf Spiele stürzen, deren Mechanismus mir beim Regellesen zuerst ein dezentes Gähnen entlockten, führte bei mir zu einem leicht schockierendem Gedanken: Hast du etwa dein inneres Kind, das einfach nur gerne spielt, zu einem verwöhnten, arroganten Teenager heranwachsen lassen? Der alles doof findet, launisch ist und den niemals einer versteht?

Klare Antwort.

Ja.

Natürlich musste ich bei dieser Erkenntnis abziehen, dass Kinder noch nicht so viele Spiele kennen wie ich. Für sie sind viele Mechanismen neu, frisch und spannend. Für mich eben nicht. Wieder ein Worker Placement-Spiel im Mittelalter, bei dem man Ressourcen sammelt, um damit etwas zu bauen, das muss halt schon etwas bieten, damit das nicht langweilig… moooooment… spricht da nicht wieder der Teenager in mir? Mist. So schnell kann es gehen. Abgesehen von so kurzen Aussetzern wie gerade eben probiere ich Spiele seit langer Zeit wieder, wie es die Kinder tun und stelle mir die Frage: Wie sehr unterhält es im gespielten Zeitraum? Egal, ob es wieder ein Worker Placement-Spiel im Mittelalter ist. Und nicht nur, wie sehr es mich unterhält, sondern auch: Wie sehr unterhält es meine Mitspieler? Selbst, wenn es nicht unbedingt mein Spiel ist: gewinnt es vielleicht an Qualität dadurch, dass die anderen am Tisch davon schwer begeistert sind? Unbedingt. Spielen ist ein soziales Erlebnis und das hat der Teenager in mir ganz klar verdrängt. Aus seinem „Was mir nicht gefällt ist doof“ wurde ein „Was mir nicht gefällt muss ja nicht unbedingt für andere doof sein“. Besonders hilfreich ist diese Erkenntnis, wenn es um das Schreiben von Rezensionen geht. Den persönlichen Geschmack unterordnen und lieber gucken, für wen das Spiel geeignet sein könnte. So, wie es die Kinder tun.

Die finden manche Spiele zwar auch doof, spielen die aber das nächste Mal trotzdem wieder mit, weil es mit den anderen Kindern so schön und lustig war.

Kinder haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, beim Spielen Kind zu bleiben. Und das genieße ich sehr.